Kein Ruck

Von Rechtsruck oder ähnlichem ist in Bezug auf die österreichischen Nationalratswahlen gerne die Rede, genauso von Protestwählern oder sogar Protestparteien. Es ist kein Ruck nach Rechts. Die FPÖ hatte immer wieder Potential; das sogenannte »dritte Lager«, unter anderem bestehend aus ehemaligen Nationalsozialisten und Deutschnationalen, versuchte sich schon nach Kriegsende zu konstituieren. International bekannt wurde es dann aber vor allem unter Jörg Haider, der 1999 gut 26 Prozent der Stimmen einfangen konnte und schließlich die deutlich schlechtere ÖVP zur Kanzlerpartei machte. Aber auch früher schon koalierte die SPÖ mit der FPÖ und noch früher konnte die SPÖ unter Duldung der FPÖ eine Minderheitsregierung bilden.
Jetzt haben die beiden rechtsradikalen Parteien zusammen knapp dreißig Prozent.
Nicht alle, die diese unappetitlichen Parteien gewählt haben, müssen automatisch Nazis sein. Aber sie haben allesamt kein Problem damit, Parteien zu wählen, die die Holocaustleugnung anbieten, Rassismus schüren und virtuos auf der Klaviatur des Antisemitismus spielen. Warum wählt ein Protestwähler nicht aus lauter Protest die Grünen? Oder das Liberale Forum? Letzteres wurde immerhin von einer ehemaligen FPÖlerin Anfang der Neunzehnhundertneunziger gegründet.
Nein, man muss es im Zweifel auch einmal andersrum sehen: Ein Mensch rechtslastiger Gesinnung kann auch gut und gerne mal sein Kreuz bei der SPÖ machen.
Es ist kein Ruck nach Rechts und keine Protestwahl. Es ist wohl so wie es ist.
Bemerkenswert ist es allemal, auch wenn dem von autochthoner Seite gerne mit einer gewissen Gelassenheit begegnet wird: Österreich ist halt so!
Am Abend der Wahl sitzen die Protagonisten der Parteien im zum ORF Studio umgebauten Parlament und plaudern mit der Moderatorin; alles völlig normal, die Herren Haider und Strache gehören nunmal zur politischen Landschaft Österreichs wie der Gletscher auf den Glockner.
Fast zeitgleich in den Nachrichtensendern des großen Nachbarn (ARD, ZDF): Entsetzen über die Wahl! Die Online Angebote großer Zeitungen: Skandal in Österreich, dreißig Prozent für die Rechtspopulisten!
Ja und Nein. Nicht nur Wien ist anders, Österreich ist anders.

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