Für die historiographische Rekonstruktion der Tat ist der Umstand, mittels volksgemeinschaftlicher Vergesellschaftung und in jeweils abgestufter Intensität passiver Beteiligung in einem Staatsverbrechen verstrickt zu sein, von erheblicher Bedeutung: Zu einem späteren Zeitpunkt mit der Gesamttat konfrontiert, wird die Selbstdeutung des Tatbeteiligten nämlich wesentlich das Bewusstseinsphänomen von Nichtbeteiligung nach sich ziehen. Die dem einzelnen wie auch immer noch bewussten Teilhandlungen der kollektiven Gesamttat und ihres Ergebnisses vermögen so völlig auseinanderzutreten. Dies hätte das paradoxe Phänomen einer Tat ohne Täterschaft zur Folge. Oder anders: Der arbeitsteilig an der Tat beteiligte Täter steht dem Kollektivverbrechen “entfremdet” gegenüber.

Dan Diner, Perspektivenwahl und Geschichtserfahrung. Bedarf es einer besonderen Historik des Nationalsozialismus?, in: Walter Pehle (Hg.), Der historische Ort des Nationalsozialismus. Annäherungen, Frankfurt a.M. 1990, S. 94-113, hier S. 99

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: